Das Buchdruckerhandwerk

Das traditionelle Drucken ist weitestgehend durch die industriellen Druckverfahren abgelöst worden. Kaum jemand weiß heute noch, wie eine Drucksache im Gutenbergschen Verfahren hergestellt wird.

Martin Z. Schröder erklärt, wie seine Arbeit vonstatten geht.

Der Entwurf

Am Anfang meiner Arbeit steht der Entwurf. Im Gespräch mit dem Kunden erfahre ich, wofür er die Karte benötigt und was sie vermitteln soll. Bei Bedarf lege ich mehrere Entwürfe einer Stilrichtung vor. Zur Entwurfsphase gehört auch die Auswahl des Papiers und der Druckfarben.

Das Schneiden

Wenn der Entwurf feststeht, bestelle ich beim Großhändler das Papier. Es wird in Rohbogen von 70 x 100 cm geliefert und von mir auf das Endformat geschnitten, anders als in großen Druckereien, wo erst nach dem Druck auf Format geschnitten wird.

Der Satz

Nun setze ich den Text. Ich nehme mit drei Fingern der rechten Hand jede Letter einzeln aus dem Setzkasten und stelle sie in den Winkelhaken in meiner linken Hand. Noch während des Satzes wird im Winkelhaken eine erste Korrektur gelesen. Dafür muß man auf dem Kopf stehende Spiegelschrift flüssig lesen können.

Jede Schrift hat eigene Ansprüche. So bekommt eine kursive Schrift schmalere Wortzwischenräume als eine gewöhnliche und eine klassizistische größere als eine Renaissance-Schrift.
Dies einzuschätzen bedarf es der ständigen genauen Betrachtung von historischen Druckwerken, die als typographisch maßgeblich gelten. Das berühmteste ist die Gutenberg-Bibel, aber es gibt noch viele andere mittelalterliche Drucke, deren typographische Qualität heute nur selten erreicht wird. Die Unterschiede sind so fein, daß der Laie sie nicht einmal erkennt, wenn er nicht darauf hingewiesen wird, aber für die Gesamtwirkung sind sie entscheidend.

Die Akzidenz ist, wie der Name sagt, ein Nebenprodukt der Buchkunst. Aber beim „Akzidenzer“ gelten die gleichen hohen Maßstäbe wie für eine bibliophile Arbeit. Es gibt viele Satzregeln, die für ein gepflegtes, zeitloses Satzbild eingehalten werden müssen. Jede Zeile wird im Winkelhaken mit dem nichtdruckenden „Blindmaterial“ auf die gleiche Länge gebracht. Dazu wird Material bis hinunter zur Stärke eines Viertel typographischen Punktes verwendet: 0,094 Millimeter.
Fingerspitzengefühl ist gefragt, weil der Setzer Material von einem, anderthalb und zwei Punkt Stärke durch Tasten rasch unterscheiden können muß.

Durchschießen und Formschließen

Der Satz wird aus dem Winkelhaken gehoben und in den Schließrahmen gestellt. Hier werden die Zeilenzwischenräume auf das gewünschte Maß gebracht: Der Satz wird „durchschossen“. Mit Schließzeugen und Schlössern wird der Rahmen aufgefüllt, durch das Anschließen der Schlösser bekommt die Form Spannung. Mit dem Klopfholz, einem mit Leder bespannten glatten Holzklotz, wird der Satz geklopft, damit keine Letter hochsteht und die Gummiwalze in der Maschine nicht beschädigt wird. Nun wird der Rahmen fest geschlossen, aus den einzelnen Teilen ist im Rahmen eine Art Druckplatte entstanden.

Die Presse

Die Boston-Klapptiegelpresse wurde 1858 von William Golding in Boston/USA erfunden.
Die Maschine in der Schröderschen Druckerey wurde im Jahr 1920 von der Leipziger Maschinenbaufabrik Hogenforst und der Berliner Fabrik Krause gebaut.

Standmachen

Nach dem ersten Abzug wird der Stand des zu druckenden Textes oder Bildes auf dem Papier ausgemessen und wenn nötig verschoben, man nennt das „Standmachen“. Durch die Lupe ist zu erkennen, wo Buchstaben zu wenig oder zuviel Druck haben.

Auf dem Aufzug, auf dem das zu bedruckende Papier liegt, oder unter der Bleischrift werden Unebenheiten durch verschieden starke Schichten dünnen Papiers ausgeglichen, was man das „Zurichten“ nennt. Der Abstand der Farbwalzen zur Schrift wird justiert, so daß die Walzen genau über die Schrift rollen und weder darüber hinwegwischen noch manche Buchstaben gar nicht oder zu wenig berühren.

Die auf dem Farbteller und im Walzenwerk befindliche Farbmenge wird passend zum Papier eingestellt. Glatte Papiere mit fast geschlossenen Poren und zarte Schriften benötigen wenig Farbe, fast geräuschlos müssen die Walzen über den Teller laufen. Offene Papiere, fette Schriften, flächige Illustrationen verlangen dagegen viel Farbe, die Walzen dürfen ein wenig „schmatzen“, wenn sie über den Farbteller laufen. Mit fünf Stellschrauben wird der Druck eingestellt.

Für die Einstellung von Druck und Farbe wird bereits das teure Originalpapier verwendet, deshalb müssen für 100 Druckbogen bis zu 10 Bogen Druckzuschuß, gelegentlich auch mehr, für das Einrichten pro Druckfarbe berechnet werden.

Korrektur

Nun wird ein erster Andruck auf dem Originalpapier gefertigt. Dann wird Korrektur gelesen: Satzfehler werden beseitigt, ebenso werden beschädigte Bleibuchstaben ausgewechselt. Dazu müssen die Zeilen gegebenenfalls noch einmal in den Winkelhaken gehoben werden. Wenn eine Kundenkorrektur am Andruck stattfinden soll, kommt der Kunde zum Andruck in die Werkstatt und korrigiert direkt vor dem Fortdruck.

Fortdruck und Durchschießen

Jetzt wird die Auflage gedruckt. Bei glatten Papieren oder starkem Farbauftrag wird zwischen die Druckbogen Papier eingeschossen, damit die Farbe nicht auf der Rückseite des folgenden Bogens abliegt. Jeder Bogen wird von Hand einzeln an den Tiegel gelegt, durch einen Hebelzug gedruckt und abgelegt.

Trocknen, ausschießen, verpacken

Die fertigen Bogen müssen je nach Farbe und Papier mindestens einen ganzen Tag, selten bis zu einer Woche trocknen. Wenn die Bogen trocken sind, wird das dazwischengelegte Papier wieder entfernt, in der Druckersprache „ausgeschossen“. Dann wird die Ware verpackt.

Endarbeit

Der gedruckte Satz wird gründlich mit fettfreiem Waschbenzin gereinigt, damit die Farbe sich nicht in die Buchstaben setzt und verhärtet, was das Druckbild verschlechtern würde. Dann wird der Satz „ausgeschlachtet“ das heißt das grobe „ Blindmaterial“ wird entfernt und wieder in die Fächer sortiert. Schließlich wird der Satz „abgelegt“, jeder Buchstabe kommt zurück ins Kästchen.

Dazu muß die Umgebung still sein, denn das Ablegen geschieht nach Gehör: der Setzer greift ein Wort, liest es und läßt die Buchstaben der Reihenfolge nach in die Kästen fallen. Bei kleinen Schriften ist es nicht immer zu sehen, ob kein, ein oder versehentlich zwei Buchstaben gefallen sind, aber es ist zu hören. Die Druckmaschine wird „gewaschen“, das heißt mit fetthaltigem Waschbenzin gereinigt. Das Fett verhindert das Austrocknen der Gummiwalzen.